Gesundheit ist keine Ware. Gesundheit ist öffentliche Daseinsvorsorge.
Genau deshalb halte ich die Debatte über unser Gesundheitssystem für überfällig. Ausgangspunkt ist für mich auch ein Leserbeitrag in der Thüringer Allgemeinen, in dem die These aufgegriffen wird, dass eine Krankenkasse ausreichen würde. Allein dass diese Forderung so viel Zustimmung findet, zeigt doch, wie groß die Unzufriedenheit mit einem System ist, das teuer, unübersichtlich und für viele Menschen erkennbar ungerecht geworden ist. thueringer-allgemeine
Wer sich die Lage nüchtern anschaut, erkennt schnell das Grundproblem: Wir leisten uns in Deutschland weiterhin eine kleinteilige Kassenlandschaft, obwohl die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen längst massiv zusammengeschrumpft ist. Zum 1. Januar 2026 gab es noch 93 gesetzliche Krankenkassen. Gleichzeitig warnt die offizielle Finanz- Kommission Gesundheit vor einer Deckungslücke von 15,3 Milliarden Euro schon im Jahr 2027. Ohne grundlegende Reformen soll diese Lücke bis 2030 sogar auf 40,4 Milliarden Euro steigen. GKV BMG
Für mich ist deshalb klar: Das Problem liegt nicht nur in einzelnen Beitragssätzen oder in zu hohen Ausgaben an einer Stelle. Das Problem ist strukturell. Zu viele Parallelstrukturen, zu viel Wettbewerb an der falschen Stelle, zu viel Bürokratie – und am Ende trotzdem eine Versorgung, die für viele Menschen nicht gleich gut funktioniert.
Besonders deutlich wird das dort, wo es konkret wird: bei unseren Krankenhäusern vor Ort. Das Harzklinikum mit seinen Standorten in Wernigerode, Quedlinburg und Blankenburg ist tief in die roten Zahlen gerutscht. Für 2024 lag das Minus bei gut fünf Millionen Euro, für 2025 bei rund 8,5 Millionen Euro. Nun soll der Landkreis Harz mit knapp 13,7 Millionen Euro einspringen. Über diese Ausgleichszahlung sollte der Kreistag am 8. April entscheiden. Volksstimme
Genau hier zeigt sich, worum es wirklich geht: Wenn kommunale Krankenhäuser nur noch mit Mühe stabilisiert werden können, dann ist das kein Betriebsunfall. Dann ist das ein Systemfehler. Der Staat, die Länder und Kommunen müssen am Ende die Versorgung sichern, weil Gesundheit eben keine gewöhnliche Dienstleistung ist. Selbst das Bundesgesundheitsministerium beschreibt Krankenhäuser als zentralen Bestandteil einer bedarfsgerechten und flächendeckenden Gesundheitsversorgung. Dann muss Politik auch endlich die Konsequenz daraus ziehen und Versorgung als öffentliche Aufgabe organisieren – nicht als Markt mit Gewinnern und Verlierern. BMG
Ich halte deshalb die Vielzahl an Krankenkassen nicht für einen Ausdruck echter Freiheit, sondern vor allem für einen Ausdruck von Zersplitterung. Menschen brauchen keine 93 Kassen, verschiedene Logiken, Konkurrenz um Beiträge und am Ende doch dieselbe Unsicherheit. Menschen brauchen Verlässlichkeit, gute Versorgung und gleiche Zugänge.
Noch grundlegender ist für mich aber ein zweiter Punkt: Die Klassenmedizin muss beendet werden.
Es ist nicht gerecht, dass der Geldbeutel, der Versicherungsstatus oder die Möglichkeit einer privaten Absicherung darüber mitentscheiden, wie schnell jemand einen Termin bekommt oder welche Behandlung realistischer erreichbar ist. Ein Gesundheitssystem, das zwischen gesetzlich und privat trennt und damit unterschiedliche Zugänge schafft, organisiert Ungleichheit. Und zwar mitten in einem Bereich, in dem Gleichheit besonders wichtig wäre.
Ich halte deshalb einen klaren Systemwechsel für notwendig: weg von der Zwei-Klassen-Medizin, hin zu einem einheitlichen, solidarischen und steuerfinanzierten Gesundheitssystem für alle. Jede und jeder zahlt nach Leistungsfähigkeit ein, jede und jeder hat denselben Anspruch auf Versorgung. Das wäre gerechter, transparenter und auf Dauer ehrlicher finanziert.
Gerade für Städte wie Wernigerode und für den ländlichen Raum im Harz ist das keine abstrakte Ideendebatte. Hier geht es ganz konkret um Notaufnahmen, Geburtshilfe, stationäre Versorgung, Fachabteilungen und Erreichbarkeit. Wenn Versorgung vor Ort von Jahr zu Jahr stärker unter finanziellen Druck gerät, dann verlieren am Ende nicht irgendwelche Kennzahlen – dann verlieren die Menschen in unserer Region.
Deshalb will ich die Diskussion um Gesundheit endlich wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht die Frage muss im Mittelpunkt stehen, wie wir ein überkomplexes System mit immer neuen Notmaßnahmen notdürftig stabilisieren. Die eigentliche Frage lautet: Wie organisieren wir Gesundheit so, dass sie gerecht, verlässlich und für alle gleich zugänglich ist?
Meine Antwort ist klar:
Weniger Kassenlogik.
Keine Klassenmedizin.
Mehr Solidarität.
Mehr öffentliche Verantwortung.
Und ein Gesundheitssystem, das den Menschen dient – nicht den Strukturen.