Ladebordsteine für Bewohnerparkflächen in Wernigerodes Altstadt? Eine Idee mit Potenzial
Wer in Wernigerodes Altstadt wohnt, kennt das Problem seit Jahren: Parkraum ist knapp, Stellplätze sind umkämpft, und wer keine eigene Einfahrt oder Garage hat, ist auf öffentliche Flächen angewiesen. Genau deshalb reicht es beim Thema E-Mobilität nicht, nur über private Wallboxen zu sprechen. Denn die helfen vor allem denen, die ohnehin mehr Platz haben. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner der Altstadt stellt sich eine viel einfachere Frage: Wie soll man ein Elektroauto im Alltag laden, wenn man nur am Straßenrand parken kann? Dass Wernigerode Bewohnerparkausweise ausstellt und das Thema Bewohnerparken also längst Teil der städtischen Realität ist, ist offiziell dokumentiert. https://www.wernigerode.de/B%C3%BCrgerservice/Serviceportal/Meistgesuchte-Dienstleistungen/Bewohnerparkausweis-beantragen.php?FID=3098.575.1&La=1&ModID=10&NavID=3792.269.1&call=suche&kuo=2&object=tx%2C3098.2&ort=3098.1
Genau an dieser Stelle wird der Ladebordstein interessant. Statt zusätzlicher Ladesäulen, Poller und Technikgehäuse auf ohnehin schmalen Flächen wird die Ladeinfrastruktur direkt in den Bordstein integriert. Rheinmetall gibt für das System bis zu 22 kW Ladeleistung an. In der Kölner Felderprobung über ein Jahr mit vier Ladebordsteinen wurden laut der veröffentlichten Fallstudie mehr als 2.800 valide Ladevorgänge, über 50 MWh geladene Energie und eine Verfügbarkeit von über 99 Prozent erreicht. Die Fallstudie betont außerdem Vorteile wie platzsparende Bauweise, geringe Eingriffe in den Straßenraum und eine gute Einbindung in sensible urbane Umgebungen. https://www.rheinmetall.com/Rheinmetall%20Group/Systeme%20und%20Produkte/Mobilit%C3%A4t/Ladebordstein/Downloads/Case-study-Ladebordstein-DE.pdf
Für Wernigerode ist das keine Nebensache, sondern eine stadtpolitische Frage. Unsere Altstadt ist kein beliebiges Quartier, sondern ein historisch gewachsener und geschützter Stadtraum. Die Altstadtsatzung der Stadt Wernigerode verlangt ausdrücklich, dass bei der Ausstattung des öffentlichen Verkehrsraums auf den historischen Charakter des Straßenbildes Rücksicht zu nehmen ist. Genau deshalb ist es eben nicht egal, ob neue Ladeinfrastruktur als klassische Säule mitten im Sichtfeld steht oder weitgehend unauffällig im Bordstein verschwindet. Wer Denkmalschutz ernst nimmt, muss auch bei moderner Infrastruktur sensibel planen.
Hinzu kommt: Die Diskussion über Parkraum für Bewohner ist in Wernigerode keineswegs neu. Im Protokoll zum Verkehrskonzept Innenstadt wurde bereits 2015 festgehalten, dass Parkplätze in Baulücken der Altstadt künftig vorrangig nur zum Anwohnerparken genehmigt werden sollen. Ebenfalls wurde festgehalten, dass Stellplätze prioritär den Anwohnern zur Verfügung stehen sollen und dass es viele Parksuchende gibt, die Runden drehen, in der Hoffnung auf einen freien Stellplatz. Das beschreibt ziemlich genau die Realität, die viele Menschen in der Altstadt bis heute erleben. https://www.wernigerode.de/PDF/Altstadtsatzung.PDF?ObjSvrID=3098&ObjID=726&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1709040803
Deshalb sollte die Debatte endlich einen Schritt weitergehen. Wer Bewohnerparkflächen in der Altstadt ermöglichen oder sichern will, muss auch darüber reden, wie diese Flächen zukunftsfähig werden. Denn was bringt ein Bewohnerparkbereich, wenn er für klimafreundliche Mobilität praktisch unbrauchbar bleibt? E-Mobilität darf kein Privileg für Menschen mit Hof, Garage und Eigenheim am Stadtrand sein. Sie muss auch dort funktionieren, wo Menschen dicht, urban und historisch wohnen. Gerade in einer Stadt wie Wernigerode wäre es politisch klug, wenige, gut ausgewählte Bewohnerparkflächen mit Ladebordsteinen auszustatten, statt die Altstadt mit immer mehr konventionellen Ladesäulen zu überfrachten. Diese Schlussfolgerung stützt sich auf die dokumentierte Parkraumsituation, die Altstadtsatzung und die technischen Eigenschaften des Systems. https://www.wernigerode.de/media/custom/3098_6370_1.PDF?1580201553=
Dafür spricht auch, dass Wernigerode beim Thema Laden nicht bei null anfängt. Die Tourismus- und Stadtinformationen listen bereits öffentliche E-Ladestationen in Wernigerode, darunter Standorte im Stadtgebiet und im Altstadtumfeld. Die offene Frage ist also längst nicht mehr, ob es Ladeinfrastruktur geben soll, sondern wie sie so integriert werden kann, dass sie zum Charakter der Stadt passt und den Menschen nützt, die hier tatsächlich wohnen. https://www.wernigerode-tourismus.de/unterkunft-reiseinfos/anreise-und-ankommen/parken-tanken-laden
Mein Fazit
Ich halte Ladebordsteine für eine ernsthaft prüfenswerte Lösung für Bewohnerparkflächen in Wernigerodes Altstadt. Nicht flächendeckend, nicht wahllos und nicht als Technikshow. Sondern gezielt dort, wo Bewohnerinnen und Bewohner auf öffentliche Stellplätze angewiesen sind und wo klassische Ladesäulen das historische Stadtbild unnötig belasten würden. Wenn wir wollen, dass Klimaschutz, soziale Fairness und Denkmalschutz zusammen funktionieren, dann müssen wir auch bereit sein, neue Lösungen für alte Stadträume zuzulassen. Der Ladebordstein könnte für Wernigerode genau so eine Lösung sein.